Mittwoch, 13. September 2017

Mal ordentlich den Kopf durchlüften...

Es ist unfair: Da habe ich im letzten Beitrag ein wenig schadenfreudig den Hitzesommer verabschiedet, um dem Herbst, der ständig als trüb, nass und kalt verun-glimpft wird, den Rücken zu stärken. Und jetzt fällt er mir in denselben, indem er diesen Grusel-September auftischt. Aber aller Anfang ist schwer. Es gibt noch Potenzial – für September und Herbst. Man muss nehmen, was geboten wird. Der heutige Tag ist für keinerlei Outdoor-Aktivitäten geeignet, ausser vielleicht Surfen. Aber nochmals: Man muss nehmen, was man kriegt. Ich schlage die Sturmwarnung in den Wind, steige Mitte Nachmittag aufs Surfbrett und fahre los...
 
So schlimm ist das doch gar nicht mit dem Wind, zumindest nicht hier im Flachland. Dennoch suche ich mir vorsichtshalber eine Route aus, die nicht durch allzu viele Wälder führt. Fahrradhelme schützen bekanntlich nicht gegen alles, was von oben kommt. Von oben kommt aber zum Glück nur ab und zu wenig Regen. Irgendwann stehe ich am Berg, genauer am Balmberg. Ich nehme die alte Passstrasse. Am Aufstieg spüre ich einen Druck in den Ohren, als sässe ich in einer Gondel. Viel Fantasie habe ich heute nicht: Ich fahre nochmals zur Röti. Bis jetzt würde ich die Bezeichnung "starker Südwestwind" gutheissen, aber Sturm?
 
Im Schlussteil der steilen alten Balmbergstrasse weht dann allerdings sprichwörtlich ein anderer Wind. Ein heftiger Gegenwind schlägt mir ins Gesicht. Da machen die gut 20 Prozent Steigung doch gleich viel mehr Freude. Aber immer schön das Positive sehen: Die Hitze ist heute definitiv kein Thema. Zudem tue ich mir das völlig freiwillig an. Und habe erst noch heimlich Spass daran. Beim Aufstieg vom Balmberg zum Weissenstein sind die rutschigen, weil nassen Steine ohnehin das grössere Problem als der Wind. Schliesslich erreiche ich den Weissenstein. Und jetzt verdient die ganze Sache langsam das Wort Sturm...

Saumässiges Septemberwetter
Klarer Blick zum Balmberg und noch viel weiter
Blick von der Röti über die erste Jurakette
Windsack und Wetterstation auf der Röti
Lust auf Fallschirmspringen?

Mit halsbrecherischen 13 km/h rase ich voll gegen den Wind über das etwa 800 Meter lange Flachstück auf dem Weissenstein, dann dreht meine Fahrtrichtung um ziemlich genau 180 Grad. Nach allgemein gültigen physikalischen und meteorologischen Gesetzen müsste ich nun Rückenwind haben. Doch der Wind weht auf dem offenen Gelände schräg von hinten, eher aus Süden, bringt mich mehrmals vom Weg ab und auch beinahe zu Fall. Mehr schlingernd als fahrend erreiche ich zum zweiten Mal innert einer Woche die Röti. Trotz der diesmal guten Fernsicht hat es keine Wanderer und erstaunlicherweise auch keine Fallschirmspringer...
 
Die Gondelbahn hat den Betrieb heute eingestellt. Es stürmt für unsere Verhältnisse ganz ordentlich. In Böen 90 bis 100 km/h gemäss Wetterstation. Nicht dass mir das nicht gefallen würde. Das Bike lege ich vorsichtshalber an einen Pfosten, damit es nicht vor mir auf dem Balmberg ankommt. Der Wind rüttelt ziemlich an meinem Stehvermögen. Mit rund 10 Grad ist es aber verhältnismässig mild – Warmfront sei Dank. Doch der Windchill ist nicht zu unterschätzen. Die Jacke ist nach etwa einer Minute erfolgreich angezogen. Hätte ich sie losgelassen, wäre sie wohl wenig später am Rocheturm in Basel hängen geblieben...

Bei genauem Hinsehen ist ganz hinten links ein Rothrister Möbelhaus zu erkennen
Röti mit Blick Richtung Osten
Spezielle Lichtverhältnisse über dem Bielersee
Drei Seen auf einen Blick
Blick zurück Richtung Röti bei Wangen a. A.
An der Aare lässt sich der Wind erkennen
 
Vorsicht, Philosophie: Eine ganze Zeit lang lasse ich in luftiger Höhe meine Alltagsgedanken verfliegen und vom Winde forttragen und gelange zur Erkenntnis... Zurück zu den Tatsachen: ...dass es schon bald dunkel wird, also schleunigst weiter. Es folgt die Abfahrt zum Balmberg. Über den Niederwiler Stierenberg und das Hofbergli geht es runter nach Farnern, Rumisberg und Wiedlisbach. Bei letztem Tageslicht erreiche ich unsere Haustür. Ziel erreicht: Der Kopf ist ordentlich durchgelüftet. Biken bei diesen Verhältnissen ist zwar nicht vorbehaltslos zu empfehlen, aber irgendwie geil...


Höhenprofil

 
 
Tourdaten: Weite 57,8 km / Höhe 1590 m / Fahrzeit 3:28 h
GPS-Aufzeichnung der Tour: Röti
 

Sonntag, 3. September 2017

Sonntagsfährtchen...

Der Sommer 2017 habe sich letzte Woche verabschiedet, sagt man. Gerne habe ich ihm die Tür geöffnet und bin auch sofort zur Seite getreten, um ihm nicht im Wege zu stehen. Taschentücher waren ebenfalls nicht nötig. Nicht dass ich etwas gegen den Sommer im Allgemeinen hätte, ganz und gar nicht. Der letztjährige war super, mal abgesehen vom Juni. Aber der Sauna-Sommer 2017 mit seinem ständigen Wechsel zwischen unerträglicher Schwüle und Sintflut? Nein, den werde ich genauso wenig vermissen wie die Sommergrippe, die ich Mitte Juli eingefangen habe. Heute ist definitiv ein frühherbstlicher Tag...
 
Keine Meisterleistung soll es geben, zirka 60 bis 65 Kilometer schweben mir vor. Und so mache ich mich auf zu einer Tour mit dem häufigsten Ziel: unbekannt. Es kommt, wie es kommen muss: Nach zahlreichen Ja-, Nein-, Doch-Entscheiden fahre ich durch die Klus nach Balsthal. Hier entscheide ich mich eher vage für eine Auffahrt zum Vorderen Brandberg mit anschliessendem Downhill auf dem längsten Singletrail im Thal, dem "Cici-Way". Dazu soll es jetzt erstmal nach Matzendorf gehen, dann wahrscheinlich weiter Richtung Grossrieden und Herbetswiler Allmend. Tief in Gedanken versunken setze ich meine Fahrt fort...
 
Matzendorf sieht heute irgendwie anders aus als sonst. Das liegt aber eindeutig daran, dass ich aus Versehen zu früh rechts abgebogen bin und mich daher in Laupersdorf befinde. Kein Beinbruch, lässt sich korrigieren. Aber es zeigt, was passieren kann, wenn der Autopilot versagt. Einst plante ich eine Tour Richtung Solothurn und fragte mich in Niederbipp, wohin ich jetzt eigentlich wollte. Heute komme ich aber früher wieder zur Gesinnung und strample zu Beginn steil hinauf Richtung Grossrieden. Wenig später verwerfe ich den spontanen Gedanken, die Tannmatt zu erklimmen und pedaliere dann doch zum Vorderen Brandberg...

Blick Richtung Balsthal vom Vorderen Brandberg aus
Vorderer Brandberg
Vorderer Brandberg auf 1060 m
Schöner Weg
Singletrail im Cholholz ob Welschenrohr
Trail nach Welschenrohr
 
Der praktisch waldlose Aufstieg ist zwar nicht steil, aber irgendwie liegt er mir nicht. Immer wieder ziehe ich hier Tiefs ein. Heute aber geht es recht flott, nicht zuletzt dank anständiger Temperatur und dem Schatten, den mir ein paar Wolken zeitweise spendieren. Auf rund 1060 m biege ich ins "Erdbeerwägli" ein, das der Einstieg in einen rund 3,5 Kilometer langen Singletrail ist. Auf 975 m halte ich kurz inne, disponiere um und fahre Richtung Wolfsschlucht. Auf einem weiteren Singletrail fahre ich hinab nach Welschenrohr. Ich will noch schnell zur Röti. Weissenstein und Sonntag – eigentlich eine schlechte Kombination...
 
Doch es ist bereits 18.00 Uhr geworden, die Gondelbahn hat die letzte Fahrt hinter sich. Allzu viel sollte dort oben nicht mehr los sein. Etwa eine Stunde später stehe ich auf der Röti auf knapp 1400 m und mache Turnübungen. Diese sind nötig, denn bei knapp 7 Grad fühlt es sich in kurzer Montur und bei Wind recht ungewohnt an. Ich bin alleine. Nur ein paar Wolkenfelder, die aus Westen aufgezogen sind, leisten mir Gesellschaft. Die Fernsicht ist heute nicht ganz so überragend wie erhofft, der Schatten zudem weit nach Osten gezogen und die Zeit fortgeschritten...

Langer Schatten und Gipfelkreuz auf der Röti
Das Kreuz auf der Röti
Ungewohnte Temperatur in Sommerkleidung
Knappe 7 Grad
Blick Richtung Langenthal und Olten
Röti auf 1396 m
 
Bald mache ich mich auf den einsamen Abstieg zum Balmberg und hinunter an die Aare. Keine grossen Experimente mehr für heute, die Dämmerung hat eingesetzt. An einem Waldrand bei Deitingen spiele ich noch mit zwei Rehen das Spiel "Zeitunglesen". Die Tiere grasen etwa 50 Meter von mir entfernt und schauen immer wieder in meine Richtung. Ich darf mich nicht bewegen, sonst habe ich verloren bzw. die Tiere verscheucht, was ich nicht will. Zum Glück ziehen sie nach einigen Minuten weiter, und ich kann die Fahrt fortsetzen. Fast 80 Kilometer ist meine Tour am Ende geworden. Recht viel für ein Sonntagsfährtchen...
 
 
Höhenprofil
 
 
 
Tourdaten: Weite 79,0 km / Höhe 1790 m / Fahrzeit 4:47 h
GPS-Aufzeichnung der Tour: Vorderer Brandberg / Röti
 

Montag, 21. August 2017

Doppelt erleichtert...

Es ist kurz nach 05.00 Uhr. Ich liege noch im Bett, als plötzlich ein pelziges Tier auf mich springt. Ich schrecke auf. Es ist Nachbars Katze, die sich Zugang zu meinem Schlafzimmer verschafft hat, auf das Bett gesprungen ist, und mich ziemlich unsanft aus dem Schlaf reisst. Obwohl sie genau weiss, dass sie hier nichts verloren hat, sitzt sie da und schnurrt, als wäre sie die Unschuld in Katzengestalt. Na ja, ich hatte ohnehin vor, heute zeitig aufzustehen. Jedoch nicht auf diese Weise. Und nicht ganz so früh. Aber gewirkt hat es: Ich bin hellwach. Nach dem ersten Schreck folgt bald der zweite: Draussen ist ein dichter Wolkendeckel. Sollte gemäss den Wetterfröschen heute nicht ein strahlend schöner Tag werden bei perfekten 21 Grad? Was nicht ist, kann hoffentlich noch werden...
 
Spontan entstanden, aber akribisch geplant ist die heutige Tour. Fast ewig habe ich an der Linie gefeilt. Lange Zeit war eigentlich nur eines klar: Über Luzern oder Interlaken wird es nicht gehen. Ich warte noch, bis es genug hell ist und starte um etwa 07.00 Uhr. Entschlossen, fast schon ein wenig verbissen fahre ich Richtung Westen. Ganz nach Anita Weyermann: Gring ache u fahre. Heute wird mich nichts und niemand aufhalten. Keine Schaltung, keine Kette, keine Bremse und schon gar kein GPS. Dazu habe ich mir im Sinne einer letzten Chance ein neues GPS-Gerät gekauft, dessen Akku mindestens 15 Stunden durchhalten sollte. Kurz nach dem Start schalte ich meinen Geist auf Autopilot und fahre zeitweise wie in Trance. Die Route ist im Kopf gespeichert...
 
Es ist ungewohnt, den Schatten im Westen zu sehen. Normalerweise sehe ich ihn immer im Osten. Aber im Westen gefällt er mir besser. Irgendwann stehe ich wieder an einem wichtigen "Knotenpunkt" meiner Freiberge-Touren, dem Wäsmeli unterhalb des Grenchenbergs. Es folgt eine längere Abfahrt, die zuerst zum Unteren Bürenberg, dann über die Sprachgrenze nach Péry führt. Obwohl diese Route auf vielen Karten als "kleine Strasse" markiert ist, hat man hier meist eine Naturstrasse unter den Rädern, was so manchem Rennvelofahrer die Freude verderben dürfte. Richtung Westen ist mittlerweile viel blauer Himmel zu sehen, was mich zuversichtlich stimmt. In Péry fülle ich sicherheitshalber die Trinkvorräte auf, danach geht es Richtung Corgémont weiter...


Blick ins Vallon de St-Imier
Blick Richtung Corgémont
Fahrt über die Montagne du Droit
Mont Crosin
Katze im Blumenbeet
Dekorative Katze bei Mont-Tramelan
 
Hier folgt ein längerer Aufstieg auf schmaler Teerstrasse zum Hof Jeanbrenin. Jetzt kommt die Bise. Und zwar die Bise de Corgémont, danach die Bise de Cortébert. Dann nähere ich mich dem Mont Crosin, wo sich sprichwörtlich alles um Windkraft dreht. Etwa zwei Kilometer vor der Passhöhe biege ich rechts ab und fahre runter nach Mont-Tramelan, einer deutschen Sprachinsel. Rund 70 Prozent der Bewohner sprechen hier deutsch, genauer gesagt, Berndeutsch. Und das mitten im französischsprachigen Berner Jura. Wie mir ein Bauer in ebendiesem Dialekt sagt, handele es sich bei ihnen um Emmentaler, deren Vorfahren vor rund 500 Jahren vertrieben wurden und sich hier niederlassen durften oder mussten.

Nach der Geschichtslektion passiere ich die Grenze zum Kanton Jura und befinde mich nun in den Freibergen. Die Pferdedichte nimmt enorm zu. Leider auch wieder die Wolkendichte. Wetter mit Note 4,5. Über La Chaux-des-Breuleux und Les Emibois erreiche ich Muriaux. Den Hauptort der Franches-Montagnes, Saignelégier, umfahre ich irgendwie und nehme die Abfahrt an den Doubs in Angriff. Diese verläuft zuerst über eine Wiese, dann auf einem Pfad, der oft nur handtuchbreit ist. Meist befindet man sich im Wald. Etwa in der Mitte des Hinunterhügels (besser bekannt als Downhill) kreuzt man eine Hauptstrasse. Gegen Ende des Trails folgt noch eine kurze Treppe. Schliesslich erreiche ich ein Dorf, das in zwei Ländern liegt: Goumois...


Blick von Goumois nach Goumois
Goumois JU
Goumois F
Goumois F
Am Doubs zwischen Goumois und Moulin Jeannotat
Unterwegs am Doubs
 
Mein lieber Doubs, hier bin ich wieder! Ich passiere die Brücke und damit die Landesgrenze und fahre ins französische Dorf Goumois. Einfach nur, um da gewesen zu sein. Dann geht es auf der Schweizer Seite einige Hundert Meter dem Doubs entlang, bevor ich rechts in eine Schlucht abbiege. Irgendwo da hinten soll ein schöner Felsenkessel mit einem Wasserfall sein, der Bief de Vautenaivre. Nach etwa anderthalb Kilometern stehe ich vor einer Treppe, die zu besagtem Ziel führt. In der Tat ein imposantes Werk, das die Natur hier geschaffen hat. Genau der richtige Ort für eine kurze Pause. Der Wasserfall ist zur Zeit nur ein Rinnsal. Ich kann mir vorstellen, dass er, wenn er viel Wasser führt, eine anständige Geräuschkulisse bietet. Schliesslich fahre ich wieder zurück an den Doubs.


Bief de Vautenaivre mit Wasserfall
Bief de Vautenaivre
Doubs bei Goumois
Doubs
Blick auf La Bosse nahe Le Bémont
La Bosse
 
Der Doubs bildet hier zwar die Landesgrenze, liegt jedoch vollständig in Frankreich. Dem Fluss entlang geht es durch das enge Tal Richtung Moulin Jeannotat. Allerdings biege ich noch vorher ab und nehme den Aufstieg nach Les Pommerats unter die Räder. Zuerst auf einem Waldweg, später auf schmaler Strasse führt der Weg hinauf. Steil ist es nicht. Dennoch ziehe ich hier eine kleine Formkrise ein. Das Strässchen von Malnuit nach Les Pommerats bin ich seit 2010 zweimal gefahren, und beide Male war meine Fitness hier abwesend. Und wir wollen heute ja nichts Neues anfangen. Keine Ahnung, was mein Körper gegen diese Strasse hat. Kurz vor dem Dorf Les Pommerats geht es in ein kleines Tal. An einem braunen See vorbei führt der Weg nach Le Bémont...
 

Typische Freiberge-Szenerie bei Le Bémont
Freiberge bei Le Bémont
Singletrail nahe Saignelégier
Umfahrungs-Trail bei Saignelégier
Kühe mit viel Platz...
Neugierige Kühe
 
Kurz vor dem Weiler La Bosse dann die perfekte Freiberge-Szenerie: Etwa 20 Pferde sämtlicher Couleur laufen auf mich zu, die Sonne kommt zum Vorschein – Potenzial für das Bild des Jahres. Ich nehme sofort den Fotoapparat. Just in dem Moment fliegt ein extrem lärmiges Flugzeug übers Land, und weg sind die Pferde. Geflohen auf eine Weide hinter dem Wald. Tausend Dank. Via Le Bémont wird Saignelégier ein zweites Mal umfahren, diesmal nördlich. Das hat allerdings den Preis, dass ich Tramelan ansteuern muss, um nochmals die Trinkvorräte aufzufüllen. Auf einigen sehr schönen Wegen geht es Richtung Südosten. Den (touristisch) etwas überlaufenen Etang de la Gruère lasse ich sprichwörtlich links liegen. Den werde ich eventuell nächstes Jahr gezielt ansteuern...

Ein kurzer Singletrail führt mich wieder in den Kanton Bern, und wenig später erreiche ich das nicht besonders schmucke Tramelan. Nach kurzer Pause geht es mit gefülltem Rucksack weiter. Am unmittelbar folgenden Aufstieg zum Hof Prés Renaud sind die Beine noch kalt. Der kurze, aber recht steile Anstieg zieht mir fast ein bisschen den Zahn. Auf Wegen unterschiedlicher Beschaffung bike ich schliesslich via La Tanne hinunter zum Pierre Pertuis, wo der Tacho rund 125 gefahrene Kilometer anzeigt. Die Zeit habe ich komplett vergessen. Die zunehmende Länge des Schattens verleitet mich jedoch zu einem Blick auf die Uhr. Schon nach 17.30 Uhr! Die Beine sind mittlerweile wieder warm. Gut so, denn es folgt der letzte ernsthafte Uphill der Tour, der auf das Montoz-Plateau führt...
 

Trail in der Nähe des Etang de la Gruère
Unterwegs Richtung Tramelan 
Montoz-Plateau bei La Rochette
Auf dem Montoz-Plateau
Fast eine Schnapszahl...
Touren-Kilometer (Bild vom Folgetag)
 
Anfangs steil und etwas bachbettartig geht es dem höchsten Punkt der Tour auf 1294 m entgegen. Immer wieder schön, über dieses Hochplateau zu fahren. Nach leichtem Auf und Ab erreiche ich wieder das Wäsmeli oberhalb von Grenchen. Auf der Abfahrt baue ich noch den einen oder anderen Singletrail ein, ansonsten liegen wegen der fortgeschrittenen Zeit keine grossen Experimente mehr drin. Kurz bevor die Lampen angehen, schiebe ich das Bike zu Hause in die Garage. Der Akku des neuen GPS-Geräts hat nach über 13 Stunden Betriebsdauer noch 32 Prozent. Sehr gut! Erstaunlicherweise hat auch mein Akku noch einige Prozent. Aber mal sehen, wie es sich anfühlt, wenn der Körper heruntergefahren ist. Das wird jedoch noch Stunden dauern...

Am Ende bin ich erleichtert, mal wieder eine grössere Tour ohne technische Zwischenfälle hinter mich gebracht zu haben, was in letzter Zeit fast schon selten geworden ist. Einzig der Umwerfer streikte noch ab und zu und macht damit Werbung, auf eine Einfach-Übersetzung umzusteigen. Wahrscheinlich gibt es im Jahr 2018 sogar ein neues Bike. Erleichtert bin ich auch körperlich: Zirka ein Kilo Körperfett dürften sich heute in nützliche Energie umgewandelt haben. Morgen wird es keine Tour geben, ich habe einen Termin. Ich stelle die Katze auf 07.30 Uhr…

 
Höhenprofil
 
 
 
Tourdaten: Weite 177,0 km / Höhe 3710 m / Fahrzeit 11:14 h
GPS-Aufzeichnung der Tour: Goumois-Freiberge
 

Montag, 7. August 2017

Viel Unfug...

Fast schon herbstlich mutet der morgendliche Blick aus dem Fenster heute an. Hochnebel, na sowas. Ein Phänomen, an das man sich so langsam aber sicher wieder gewöhnen darf. Hat aber Zeit. Denn Anfang August wird sich der Deckel nicht lange halten können, zu stark ist die Sonne noch. Mein Bike ist eigentlich wegen eines Kettendefekts nicht einsatzfähig. Diesen hätte ich längst beheben (lassen) müssen, was ich jedoch in der enormen Hitze der letzten Tage verschwitzt habe. Die heutige Tour mit lädierter Kette zu fahren, ist grober Unfug. Drei Gründe gibt es aber, es trotzdem zu tun: meine Unbelehrbarkeit, meine Motivation und natürlich das schöne Wetter. Kurz nach 09.00 Uhr starte ich bei einer leichten Bise Richtung Deitingen und quere kurz darauf bei Attisholz die Aare...

Die grandiose GPS-Technik zieht mich auch heute wieder voll in ihren Bann: Faszinierend, wie das vor gut einem Jahr gekaufte Gerät plötzlich nicht mehr die Fahrtrichtung anzeigt, sondern sich strikt nach Norden ausrichtet. Phantastisch, wie es selbst bei voller Fahrt in offenem Gelände ständig auf "Auto-Pause" schaltet, obwohl es dies erst bei Stillstand tun sollte. Beeindruckend, wie konsequent es nur etwa die Hälfte des tatsächlichen Tempos anzeigt. Sensationell, wie sich die Neigungsanzeige ab etwa 10 Prozent Steigung ausschaltet nach dem Motto: Rate doch mal, wie steil es jetzt ist! Und das alles für nur 650 Franken! Da kann man wirklich nicht meckern. Da kann man nur noch den Kopf schütteln. Keine Sorge, das Vorgängermodell, das ich hatte, war keinen Deut besser...

Aber ich habe absolut nicht im Sinn, mir den heutigen Tag von überteuertem Elektroschrott verderben zu lassen. Dazu hat die defekte Kette schon eher das Potenzial, die bei starkem Druck ab und zu springt. Die Aufstiege fahre ich daher wie auf rohen Eiern, sehr sachte. Die hochnebelartigen Wolken haben mittlerweile der Sonne Platz gemacht, der Schweiss beginnt ordentlich zu tropfen. Ganz klar ist mein heutiges Ziel noch nicht. Ich fahre via Rüttenen Richtung Bettlach und rauf zum Stierenberg. Wenig später überquere ich auf einem kurzen Singletrail die Sprachgrenze und erreiche bald darauf den Romontberg. Und jetzt? Als ich in der Ferne den Gestler sehe, kann ich es nicht lassen. Ich muss dahin. Der armen Kette darf ich das nicht sagen, die würde mir glatt ihr Mittelglied zeigen...

Manchmal übertreibt er es ein wenig
Der Kater hat sich ergeben
Beim Restaurant Montagne de Romont
Romontberg, weit hinten der Chasseral
Unterwegs Richtung Sonceboz-Sombeval
Zwischen La Heutte und Sonceboz
 
Doch der Himmel ist tiefblau, die Fernsicht sehr gut, und ab morgen soll das Wetter bis Ende Woche äusserst besch…eiden werden. Also ab zum Chasseral. Hier auf dem Romontberg befinde ich mich auf gut halbem Weg dorthin, horizontal wie vertikal. Das Restaurant ist glücklicherweise offen, so dass ich noch etwas Trinkbares mit auf den Weg nehmen kann. Der Mini-Marché in Péry wird um 12.00 Uhr schliessen, und viele andere Verpflegungspunkte sind mir im weiteren Verlauf der Strecke nicht geläufig. Denn der heutige Montag ist auch ein Sonntag: Beizensonntag. Ich bike über den Höhenrücken des Romontbergs und nehme dann einen etwas bachbettartigen Weg, der runter nach Péry führt. Via La Heutte geht es leicht erhöht an Sonceboz-Sombeval vorbei...
 
Jetzt beginnt die Hauptsteigung zum Chasseral. Am Hof Le Cernil vorbei führt der Weg Richtung Pierrefeu und Métairie de Morat auf 1461 m. Obwohl man sich hier schon sehr nahe am Chasseral befindet, ist von der markanten Antenne noch immer nichts zu sehen. Das ändert sich jedoch kurz darauf, als die 1500er-Höhenlinie überwunden wird. Jetzt noch eine leichte Gegensteigung und eine kurze Rampe, dann steht man auf 1606 m, dem höchsten Punkt des Gestlers, wie der Chasseral auf Deutsch heisst. 16 Grad und wie immer ordentlich Wind hat es. Von hier aus hat man eine gewaltige Fernsicht, die unter anderem drei Seen beinhaltet. Für mich ist heute jedoch eher der Weg das Ziel, nämlich der Gratweg, der über den gesamten Bergrücken bis nach Frinvillier runter führt... 

Blick auf Sonceboz-Sombeval von Le Cernil aus
Sonceboz-Sombeval
Auf zu Peters Feuer...
Unterwegs Richtung Pierrefeu
Nahe am Ziel...
Chasseral von der Vacherie de Nods aus
Chasseral mit Blick auf Bieler- und Murtensee
Chasseral, Blick Richtung Süden
Blick Richtung Mont-Soleil und Mont Crosin
Chasseral, 1606 m
Chasseral mit Neuenburgersee im Hintergrund
Chasseral mit Gleitschirmler
 
Direkt bei der Antenne beginnt der Einstieg in den langen Kretenweg, der grösstenteils ein Singletrail ist. Die ersten paar Meter sind für meine bescheidenen Fahrkünste etwas zu verblockt, danach lässt der Technikanspruch allmählich nach. Hier runter zu fahren, ist einfach genial, ein wahrer Jura-Klassiker. Mit viel Spass und häufig bombastischer Aussicht geht es den Singletrail hinab Richtung Les Colisses du Haut, wo der Weg vorübergehend etwas breiter wird. Der einsame Hof Les Colisses du Haut ist zu meinem Glück und meiner Überraschung auch ein Restaurant. Ich brauche Flüssigkeit und kehre kurz ein. Ich bin der einzige Gast hier. Der Frau, die sich mir nähert, werfe ich ein nettes "Bonjour" zu, das sie direkt mit einem "Grüessech" erwidert...

Chasseral-Gratweg auf knapp 1600 m
Gratweg mit Ausblick
Unterwegs auf dem Gratweg
Die Thermik passt anscheinend auch...
Impressionen vom Chasseral-Grat
Noch ein Gleitschirmflieger am Chasseral
Die Antenne ist schon wieder recht klein geworden...
Blick zurück...
Schöner Trail über den Grat...
Gratweg, rechts am Bildrand der Bielersee
So schön...
Schöner Singletrail, manchmal sogar doppelt
 
Immer wieder peinlich, wie man schon nach einem einzigen Wort als Deutschschweizer entlarvt ist. Die Frau ist freundlich, bilingue und hat ein gewisses Redebedürfnis. Nach der etwas unverhofften Pause geht es mit leichtem Auf und Ab, im Mittel immer etwa auf 1300 m, weiter. Erst nach Pré Carrel verläuft der Pfad wieder eindeutig talwärts zum Hof Les Coperies. Rund 13 Kilometer habe ich von der Antenne bis hierher auf dem praktisch schnurgeraden Gratweg zurückgelegt. Und jetzt folgt noch das "Schlussbouquet" nach Frinvillier. Zuerst flowig, dann mit immer mehr Kehren führt der Weg hinab. Einige der Kurven sind für mich zu eng. Ich bin kein besonders begabter Technik-Biker, habe aber trotzdem viel Spass an dem, was ich tue. Auch hier...
 
Bei Frinvillier wird man recht unsanft auf eine Hauptstrasse ausgespuckt. Über einen Kilometer Höhe hat man jetzt vernichtet, dafür aber 10 Grad Lufttemperatur gewonnen. Frinvillier liegt in einer Senke, die von zwei Schnellstrassen überspannt wird. Dazu eine Bahnlinie und eine Hauptstrasse. Alles da, was man sich so wünscht. Dazu 26 Grad. Und die Bise von nun an als Gegner. Aber deren Kühlung nehme ich gerne. Ich habe zu wenig getrunken, wie fast immer (auch hier unbelehrbar) und bin ziemlich gekocht. Auch das GPS-Gerät meldet jetzt nach nur gut 7 Stunden Betriebsdauer "Batterie schwach". Zirka eine halbe Stunde pro Quartal nimmt die Batterieleistung des tollen Geräts ab. Aber das passt zum Gesamteindruck wie die Fliegen zur Hundekacke...

Gegenverkehr nahe Les Colisses du Haut
Bei Les Colisses du Haut
Pré Carrel
Ausblick bei Pré Carrel
Blick Richtung Biel bei La Ragie
Blick Richtung Biel bei La Ragie
Kühe bei Les Coperies
Bei Les Coperies
Klus von Rondchâtel oberhalb Frinvillier
Klus von Rondchâtel
Immer der Nase nach nach Lommiswil
Weg Richtung Lommiswil
 
Von Frinvillier geht es kurz, aber recht steil hinauf Richtung Vauffelin. Die Kette rattert, aber sie hält. Wahrscheinlich werde ich noch einige weitere Teile auswechseln müssen, aber Strafe muss sein. Dem Bözingenberg entlang fahre ich auf einsamen Waldwegen nach Romont. Hier folgt noch der Firsi-Trail, der mit rund 1,5 Kilometern schon fast ungewohnt kurz ist. In Lommiswil ist dann nochmals eine Trinkpause angesagt. Hier beendet das GPS-Gerät seine ohnehin miese Arbeit vorzeitig, der Akku ist schon leer. Immer positiv denken: Viel schlechter wird die Datenqualität durch das Abschalten nicht. Via Langendorf, St. Niklaus und Deitingen wird die Tour beendet. Sie war ein Hammer, die Kette hat gehalten, und ich habe fertig. Genug Unfug – für heute…


Höhenprofil (Datenleck ab km 103 wegen leerem GPS-Akku)
 
 
 
Tourdaten: Weite 130,9 km / Höhe 2930 m / Fahrzeit 8:45 h
GPS-Aufzeichnung der Tour: Chasseral-Gratweg