Dienstag, 13. Februar 2018

Die ganz krumme Tour...

Auch heute habe ich wieder zwei Möglichkeiten: eine kindische Maske aufsetzen, Papierschnipsel in der Gegend rumschmeissen und mich volllaufen lassen oder aufs Bike. Der Entscheid ist rasch gefällt. Nee, Fasnacht ist gar nicht meins. Es gibt überzeugte Fasnächtler, die ihre Tradition derart hochhalten, dass sie den Winter vertreiben wollen, gleichzeitig aber hoffen, es möge in den kommenden Skiferien genug Schnee liegen. Der morgendliche Blick aus dem Fenster: Hochnebel. Etwas überraschend, habe ich doch aufgrund der Wetterprognose von Tagesbeginn an auf die Sonne gehofft. Aber das wird schon noch...
 
Als der graue Kamerad am späteren Morgen zu schwächeln beginnt, steige ich aufs Fatbike. Mit minus 5 Grad haben wir endlich mal auch im Flachland eine anständige Wintertemperatur. Morast ist da für einmal kein Thema. Nachdem der Januar eher ein Emmentaler Bikemonat war, geht es heute wieder Richtung Norden. Einen genauen Plan habe ich noch nicht – Hauptsache möglichst viel im Schnee. Nach der gestrigen, gut 60 Kilometer langen Fattie-Chaostour fühle ich mich heute zu Beginn noch etwas lahm. In Balsthal fälle ich den Entscheid, ins Thal fahren, wo wenige Zentimeter Neuschnee liegen...
 
Die Sonne hat mittlerweile kaum noch Konkurrenz am Himmel. Vom Hochnebel sind nur noch Fetzen übrig. Bei Aedermannsdorf biege ich auf die Strasse zur Tannmatt ein. Hier glaube ich förmlich zu spüren, wie der Körper die Teigwaren anzapft, die ich gestern spätabends noch eingeworfen habe. Das lahme Gefühl in den Beinen verschwindet langsam. Auf schneebedeckter, teils vereister Strasse kämpfen Fattie und Fahrer sich der Passhöhe auf 1122 m entgegen. Die Jacke muss ich ausziehen. Gefühlt sind es 15 Grad. Doch das Thermometer am GPS, das an der Sonne immer zu viel anzeigt, gibt minus 3 Grad an...

Winterlandschaft bei der Tannmatt
Ausblick von der Tannmatt
Spur in Blau-Weiss bei der Tannmatt
 

Während des Aufstiegs zur Tannmatt reift der Entschluss, eine weglose Tiefschneeabfahrt beim Hinteren Brandberg zu versuchen. Auf der Tannmatt angekommen, fahre ich ein Stück durch den Tiefschnee zurück, um zu schauen, wie dieser hier so drauf ist. Und wie viel davon liegt. Damit kann ich schon mal ansatzweise testen, ob die Tiefschneevariante beim Brandberg überhaupt Zukunft hat. Meine glasklare Erkenntnis nach der "Probefahrt": Es könnte gehen, vielleicht aber auch nicht. Beim Hinteren Brandberg angekommen, biege ich auf die schön verschneite Wiese ein. Zirka anderthalb Kilometer lang soll der Spass werden...
 
Mit dem Stemmbogen klappt es nicht so, daher wähle ich eine gerade Linie. Unter dem schön ebenen weissen Teppich lauern einige Überraschungen. Die Abfahrt ist cool. Im Mittelteil ist das Gefälle allerdings etwas bescheiden, so dass ich ziemlich murksen muss. Krafttraining beim Bergabfahren – das geht nur im Winter. Auf einem schneebedeckten Kiesweg geht es danach noch etwas weiter abwärts Richtung Welschenrohr, wo es heute Morgen minus 14 Grad hatte. Auf einigen Singletrails umfahre ich das Dorf allerdings Richtung Ergeleralp. Es ist herrlich: sonnig, trocken, kalt und Schnee. Genau so liebe ich den Winter...

Bei der Mieschegg
Hinterer Brandberg
Auf dem Weg zum Vorderen Brandberg
 
Der Wanderweg von der Wolfsschlucht zum Tufftbrunnen ist zwar nicht steil, erfordert jedoch im nicht gespurten Schnee etwas zusätzliche Kraft. Einmal mehr bin ich froh, das Fattie unter dem Allerwertesten zu haben. Nach einer kurzen Abfahrt folgen nochmals gute 100 Höhenmeter bis zum zweiten "Peak" meiner Tour, dem Vorderen Brandberg. Hier kann man gleich auf zwei Singletrails bis ganz runter fahren. Ich nehme den im Sommer nicht so interessanten, aber aussichtsreichen Weg über die Wiese. Wer sich aber beim Downhill die Aussicht zu lange ansieht, riskiert, plötzlich nur noch Sternchen zu sehen...
 
Mein Downhill-Motto lautet sowieso immer: Vorsicht ist besser als Nachruf. Die Schneeabfahrt bis kurz vor Herbetswil ist genial. Die anschliessend geplante kurze Wiesenabfahrt zurück nach Aedermannsdorf lasse ich dann aber sein und nehme stattdessen die Strasse. Es hat hier unten am Sonnenhang schlicht zu wenig Schnee, und ich will keinen Landschaden verursachen! Die Februarsonne hat halt schon wieder ordentlich Kraft und lässt die weisse Pracht trotz Minus-temperaturen dahinschmelzen. Der Dorfladen in Aedermannsdorf hat leider zu, daher verschiebe ich meine Pause nach Matzendorf...

Ausblick beim Vorderen Brandberg
Auf der Abfahrt ins Thal
Schwäne an der Aare

Danach fahre ich der Nordseite der ersten Jurakette entlang zurück nach Balsthal. In dieser schattigen Lage liegt natürlich noch Schnee. Durch die Klus geht es nach Oensingen, um Niederbipp herum nach Bannwil und der Aare entlang nach Hause. Normalerweise ziehe ich es vor, die erste Jurakette zu überqueren, statt zweimal die Klus zu passieren. Wegen der doppelten Durchfahrung wird die Tour nicht nur weiter, sie sieht auf der GPS-Aufzeichnung auch aus wie eine Banane. Schon alleine das zeigt, dass daran etwas krumm ist. Aber ab und zu eine Banane soll ja gesund sein…
 

Höhenprofil

 
 
Tourdaten: Weite 84,0 km / Höhe 1870 m / Fahrzeit 6:04 h
GPS-Aufzeichnung der Tour: Hinterer Brandberg / Vorderer Brandberg
 

Freitag, 9. Februar 2018

Erste Februar-Impressionen...

Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel. Dieser Satz gilt sehr schön für den bisherigen Winter. Keine knackige Kälte, kaum einmal Schnee im Flachland – und doch habe ich bereits etliche schöne Schneefahrten machen können. Meine "Winterspanne" ging jedoch im Januar vorübergehend verloren. Einmal zückte ich sogar die kurzen Hosen, um sie dann doch nicht anzuziehen. Pünktlich mit dem Februar weht aber wortwörtlich ein anderer, ein kühlerer Wind. Der Februar ist "traditionell" mein schwächster Bikemonat, was nicht nur an seiner Kürze liegt. Trotzdem liegen bereits einige Touren mit dem Fatbike hinter mir...
 
Ein paar nette Begegnungen, eine tempomässig beinahe ausser Kontrolle geratene Skipistenfahrt in fahlem Abendlicht, Tiefschneeabfahrten inklusive Boden-proben, einsame Spuren und ein Whiteout im stockdichten Nebel: Schon so einiges hatte der Februar 2018 für mich parat. Und zwischen den Touren gibt es diese regelrechten "Fresstage", an denen ich gefühlte 5000 Kalorien einwerfe. Die Runzel am Ranzen sorgt wenigstens für ein bisschen zusätzlichen Grip. Für einen ausführlichen Tourenbericht hat es in diesem Monat zwar noch nicht gereicht, ein paar "Impressionen" gibt es aber allemal. Fortsetzung folgt...
 

Tour vom 2. Februar 2018 (Hinteregg-Balmberg; Weite: 54,6 km / Höhe 1550 m)

Schneespur beim Stierenberg ob Farnern
Verschneiter Waldpfad
Trail beim Hochkreuz
Balmberg, im Hintergrund die Röti
 
 Tour vom 5. Februar 2018 (Hinterer Brandberg-Balmberg; Weite 73,8 km / Höhe 2060 m)

Trail zum Hinteren Hofbergli
Auf dem Weg zur Schmiedenmatt
Zerrissene Berner Fahne flattert in der Bise
Ein halber Berner
 
Tour vom 9. Februar 2018 (Scheltenpass-Wasserfallen; Weite 81,7 km / Höhe 1880 m)

Beim Scheltenpass
Blick durch Raureif auf den Hirnichopf
Guckloch beim Vorderen Erzberg
Weisses Pferd bei der Wasserfallen (BL)
Pferd bei der Wasserfallen
 

Montag, 29. Januar 2018

Wow-Momente...

Die weiteste Januar-Tour aller Zeiten steht an. Tönt spektakulärer, als es ist. Denn schliesslich kann man den diesjährigen Januar gewiss nicht als das sehen, was er sein sollte: ein kalter Wintermonat nämlich. Daher wird das keine wirkliche Winterfahrt, sondern, je nach Geschmack, eine Herbst- oder Frühlingsfahrt. Heute und morgen sollen uns zwei Schönwettertage erwarten, bevor pünktlich auf den Februar wieder ein anderes Vögelchen pfeift: ein Wasservögelchen. Also unbedingt ausnutzen. Ich starte bei Nebel und minus 1 Grad Richtung Wynigen...
 
Diesmal brauche ich sogar die Handschuhe. Und das ist auch gleich der erste Wow-Moment – zugegeben mit etwas Ironie. Bereits nach wenigen Kilometern Fahrt gibt der Nebel vor Wynigen auf und macht einem strahlend blauen Himmel Platz: der erste wahre Wow-Moment. Dieser Vitamin-D-Schub ist sehr willkommen. Via Mistelberg nehme ich die Auffahrt zur Lueg und mache mich dann über Affoltern und Gammenthal auf den Weg nach Grünenmatt. Ausgangs Grünenmatt biege ich auf den "Allee-Singletrail" Richtung Ramsei ein. Auf dem Pfad steige ich kurz ab, um ein Foto zu machen. Plötzlich packt etwas von hinten meinen Rucksack...
 
Ein wenig erschrocken drehe ich mich um und schaue direkt in die Nasenlöcher eines Pferdes. Was fällt dem ein, unbescholtene Rentner derart zu erschrecken? Der Täter wird ebenfalls fotografiert. Dann geht es weiter nach Ramsei. Nach einigen Orientierungsproblemen finde ich im Anschluss Rüderswil doch noch (…) und fahre über einen kleinen Pass nach Niederbach. Hier wandern Jacke und Handschuhe endgültig in den Rucksack, es ist frühlingshaft warm. Via Schönholz, Siegenthal und Aetzlischwand geht es am Fischerhubel vorbei zu einer alten Bekannten: der Blasenfluh, die ich in letzter Zeit fast ein wenig massiere...


Pfad einem Bach entlang
Pfad Richtung Ramsei
Neugieriges schwarzes Pferd
Neugieriges Pferd bei Grünenmatt
Weg durch typische Emmentaler Landschaft
Bei Siegenthal
 
Die Hoffnung, der Weg dort hinauf könnte in der Zwischenzeit frei von Fallholz sein, ist nur leise und schwach. Und vergebens. Dieser Weg hat verständlicherweise keine Priorität bei den Räumungsarbeiten. Also kraxeln wir wieder ein bisschen. Auch wenn ich die Blasenfluh in letzter Zeit öfter besucht habe – etwas ist heute anders: das Wetter. Es ist einfach nur bombastisch und die Fernsicht ebenso! Der Januar 2018 will sich ziemlich scheinheilig davonschleichen, was ich ihm jedoch nicht verüble. Mit "Ende gut, alles gut" möchte ich ihn allerdings auch nicht rehabilitieren bei all dem, was er geboten hat...
 
Für die Blasenfluh-Abfahrt nehme ich den Singletrail Richtung Ofeneggalp. Mehrere Bäume liegen darauf, aber dicht beieinander und bereits ein wenig "bearbeitet", so dass das Ganze erträglich ist. Mit einer leichten Schlaufe fahre ich weiter hinab Richtung Oberthal. Nach einer moderaten Gegensteigung geht es recht steil nach Zäziwil runter (in der Region auch "Zäzipfupf" genannt). Hier war ich fast 10 Jahre nicht mehr. Eine lange Zeit. Apropos Zeit: Zeit für eine kurze Pause. Ich schicke eine SMS mit dem Inhalt "tätowieren" nach Hause...

Ausblick nach Langnau i. E.
Blick von der Blasenfluh nach Langnau
Blick Richtung Schrattenfluh bei der Ofeneggalp
Bei der Ofeneggalp
Oberhünigen, dahinter Konolfingen und Grosshöchstetten
Aussicht bei Oberhünigen
 
Geschrieben habe ich zwar "Zäziwil", aber die Autokorrektur weiss es natürlich wieder besser. Prompt kommt "was, du lässt dich tätowieren?!" zur Antwort. Nachdem der Sachverhalt richtiggestellt ist, verlasse ich Zäziwil. Rasch folgt hinter dem Dorf die Steigung zum Tagesziel, dem Churzenberg. Ich passiere das verstreute Dorf Oberhünigen. Die letzten 200 Höhenmeter verlaufen dann im Wald. Schliesslich erreiche ich auf gut 1100 m die Krete, wo sich bei wolkenlosem Himmel eine phantastische Sicht auf die Berge öffnet. Der nächste Wow-Moment. Ein tiefgründiger. Es ist so hammerschön, dass man fast sentimental wird...

Grasweg mit Blick Richtung Alpen
Alpenblick auf dem Churzenberg
Aussichtsreicher Feldweg oberhalb Linden i. E.
Aebersoldhöhe
Rastplatz mit Alpensicht
Rastplatz zwischen Aebersold und Ringgis
 
Nach einer so langen Zeit der Tristesse mit Sturm, Schiff und Nebel ist das eine regelrechte Genugtuung. Bei schönstem Panorama fahre ich via Aebersold nach Ringgis, mit 1168 m der Touren-Höhepunkt. Jetzt folgt der Downhill nach Bowil. Über einen schattigen, feuchten Wiesentrail geht es zum Hof Winterseiten, dann hinab zur Brüegg. Hier will ich einen Singletrail erkunden, der mir beim Kartenstudium immer wieder ins Auge gestochen ist. Als bereits nach zirka 65 Zentimetern die erste Tanne auf dem Trail liegt, überlege ich mir ernsthaft, die Strasse als Alternative zu nehmen. Das wäre dann Plan B. Mit "B" wie "blöd"...

Wanderweg nach Linden i. E.
Weg Richtung Linden i. E.
Weisses Pferd, dahinter Schneeberge
Weisses Pferd beim Hof Ringgis
Grasendes weisses Pferd bei Ringgis
Blick hinunter nach Jassbach
 
Denn schliesslich habe ich diese Abfahrt ja gerade wegen des Trails gewählt. Also werde ich das grosse Ding jetzt voll durchziehen. Und ich sollte es unter dem Strich nicht bereuen. Zwar liegt durchaus einiges an Botanik auf dem Pfad. Einzelne Bäume stehen zudem bedrohlich schief oder haben sich in anderen verkeilt. Ganz ungefährlich ist die Sache nicht. Der Trail fägt jedoch, auch wenn ich die nasse, steile Holztreppe am Schluss lieber zu Fuss bewältige. In Bowil zeigt die Kirchturmuhr bereits deutlich nach 15.00 Uhr, und mein Schatten zieht sich ordentlich in die Länge. Ich sollte langsam Gas geben...
 
Dem Schüpbachkanal entlang geht es an Signau vorbei nach Schüpbach, dann meist der Emme folgend bis vor die Tore Burgdorfs. Unterwegs schicke ich nochmals eine SMS nach Hause. Was wird die Autokorrektur wohl aus "Lützelflüh-Goldbach" machen? Ich hätte einen Vorschlag: Wie wäre es mit "Schnitzel-Pommes-Frites"? Oder vielleicht "Morgenfrüh-Goldfisch"? Aber nein, siehe da, die Autokorrektur versagt und sendet tatsächlich den Originaltext. Burgdorf umfahre ich wieder via Binzberg. Nach dem Downhill nach Bickigen stresse ich bei einbrechender Dunkelheit gemütlich die letzten Kilometer nach Hause...

Wanderweg zwischen Winterseiten und Brüegg
Bei Winterseiten, Abfahrt nach Bowil
Steiler Pfad durch den Wald bei Bowil
Wanderweg nach Bowil
Emmenweg mit Bike
Emme bei Ranflühschachen
 
Kaum zu glauben, dass ich zwischen Wynigen und Grasswil tatsächlich wieder in den Nebel eintauche. An exakt gleicher Stelle, wo ich vor einigen Stunden rauskam. Der Kerl hat sich offenbar die ganze Zeit über gehalten. Bei letztem Tageslicht komme ich zu Hause an. Was für ein Tag heute! Wow!
 

Höhenprofil



Tourdaten: Weite 109,2 km / Höhe 2290 m / Fahrzeit 6:31 h
GPS-Aufzeichnung der Tour: Blasenfluh / Churzenberg
 

Mittwoch, 24. Januar 2018

Richtige Entscheidung...

Gespenstische Stimmung da draussen: Es ist alles ruhig, der Himmel dezent bläulich. Ab und zu ist ein greller Punkt zu sehen. Dazu kaum Wind, geschweige denn Sturm. Und es soll den ganzen Tag trocken bleiben. Ungewohnt, fast schon unheimlich. Zwei Sachen stehen heute zur Auswahl: Spannende WEF-Reden anhören, bei denen mit Privatjets, Helikoptern und Limousinen angereiste Leute von Nachhaltigkeit sprechen oder aber ab aufs Bike. Nach langem Zögern entscheide ich mich für das Zweite. Leider ist es schon fast Mittag, als ich starte...
 
Heute will ich eine Tour fahren, die schon lange für einen lauen Tag im schneelosen Hochwinter vorgesehen ist. Eine Art Evergreen – im doppelten Sinne. Keine grosse Sache; eine klassische Januar- oder auch Februar-Tour halt. In südöstlicher Richtung fahre ich davon, lande etwas anders als geplant auf dem Lindenpass und mache mich via Kleindietwil und Rohrbach auf nach Huttwil. Das "Blumenstädtchen" streife ich aber nur ganz im Westen. Die Sonne scheint und setzt mir ein leichtes Grinsen auf. Aus Freude, nicht aus Unglauben!
 
Ich fahre via Schwarzenbach und Belzhöhe nach Eriswil, das ich auf einem neu angelegten Wanderweg, einem kurzen Singletrail, erreiche. Bis hierher führte die Strecke kaum durch den Wald; die Wege sind entsprechend nicht mehr ganz so morastig. Trotz eines verdächtigen Knurrens im Magenbereich verzichte ich auf eine Pause in Eriswil. Der Hunger wird ohnehin bald gestillt. Zu fressen gibt es jetzt nämlich ein paar Höhenmeter. Was meine Verpflegungsmethodik während des Bikens anbelangt, feiere ich gerade ein Jubiläum: 15 Jahre Unbelehrbarkeit...

Ländliche Gegend um Huttwil
Eriswil, Belzhöhe
Auf schmalem Pfad nach Eriswil
Letzte Meter nach Eriswil
Ein Hügel, ein Berg, eine zerfallene Scheune
Zwischen Eriswil und Ahorn
 
Mein erstes Ziel ist das Ahorn. Für den Aufstieg wähle ich ausnahmsweise die Strasse, wenn auch mit ein paar kurzen Umgehungsvarianten. Im Winter darf es auch mal Teer sein, zumal ich damit einigermassen sichergehe, das Ziel ohne Kletterübungen zu erreichen. Unmittelbar vor dem Ahorn wechselt das Kantonswappen: Der Berner Bär läuft aus dem Bild, der Hintergrund verfärbt sich blau-weiss – passend zum Himmel. Willkommen im Kanton Luzern. Das Restaurant befindet sich bereits auf Luzerner Boden. Ich bin am Höhepunkt meiner Tour angelangt, auf gut 1100 m...
 
Schnee? Nee! Und das trotz eisigen 6 Grad plus. Untertreiben darf ich jetzt aber nicht: Immerhin ein Schneefeld muss ich kurz nach dem Restaurant überqueren. Dann geht es auf einem schattigen und noch leicht schneebedeckten Singletrail sanft hinab zum Werniseggweidli, wo ich wieder an die Sonne gelange. Auf der Wernisegg habe ich wider Erwarten nicht Kies, sondern Beton unter den Rädern. Nicht gerade der Traum jeden Bikers, aber was soll's. Mir gefällt es hier. Völlig unbekanntes Terrain für mich, obwohl ich ringsherum schon war. Heute wird gewissermassen eine Wissenslücke gefüllt...
 
Bei der Fahrt über die Wernisegg vernichtet man nur zögerlich Höhenmeter. Zwei, drei Kilometer lang bleibt die Höhe noch vierstellig. Der sogenannte Wanderweg über den Höchstutz, gemäss Karte ein kurzer Singletrail, ist dann für Geschichtsliebhaber interessant: So in etwa muss es nach der Schlacht bei Sempach ausgesehen haben, als die Gefallenen abgeführt waren. Ein einziges Schlachtfeld. Also Plan B: zurück zur Strasse. Die Sicht zu den Alpen ist recht klar. Ist da wohl schon wieder der Föhn im Spiel? Via Hintergernet und Mettmenegg geht es hinab nach Hofstatt...

Bike mit Weitblick ins Luzernische
Auf dem Ahorn
Blick über das Luzerner Hinterland
Weitblick vom Ahorn
Feldweg bei Hintergernet
Hintergernet
 
Der Blickt schweift abwechselnd Richtung Alpen und Jura. Nach Hofstatt folgt nochmals ein kurzer Aufstieg. Hier kenne ich mich vorübergehend wieder aus. Der Berner Bär kommt kurz zurück ins Bild, läuft jedoch wenig später wieder weg. Es geht nämlich wieder auf Luzerner Hoheitsgebiet auf unbekannten Wegen hinab nach Huttwil. Bei Oberebnet fahre ich durch eine Gruppe Chinesen, die sich gegenseitig freudig fotografieren. Haben die sich verfahren? Die Rigi ist weiter östlich. Kurz nach den Asiaten biege ich auf einen Waldweg ein. Dieser ist im wahrsten Sinne des Wortes flüssig zu fahren...
 
Kurz vor Huttwil verabschiede ich mich endgültig vom Kanton Luzern. Diesmal streife ich den Ort am östlichen Ende, indem ich direkt zum Huttwilberg hinauffahre. Huttwilberg tönt nach mehr, als er ist, erhebt er sich doch nur etwa 100 Meter über dem Städtchen. Der Magen knurrt mittlerweile deutlich bestimmter, und prompt beginnt es mich allmählich zu zerlegen. Das war sehr gut abzusehen. Dennoch gelingt es mir, die Fahrt über die Höhe und die morastige Abfahrt nach Madiswil einigermassen zu geniessen. Flach wie eine Flunder nehme ich mir allen Ernstes vor, auch noch die restliche Strecke ohne Verpflegung durchzuziehen...

Blick vom Chrüzhubel Richtung Jura
Beim Chrüzhubel
Ausblick ob Eriswil zum Jura
Ausblick ob Eriswil
Blick vom Rohrbachberg Richtung Huttwil
Rohrbachberg
 
Darüber schüttle ich im Nachhinein, während ich diesen Text schreibe, auch den Kopf. Die Einsicht wäre also da, aber immer zu spät. Macht Adrenalin eigentlich unzurechnungsfähig? Nur ein geschlossener Bahnübergang bringt mich in Madiswil doch noch dazu, einen Riegel zu kaufen und sogar zu verzehren. Danach gebe ich mir den Rest (der Tour). Ein schönes Fährtchen trotz allem. Es war die richtige Entscheidung, raus zu gehen, statt sich den WEF-Reden zu widmen. Um die etwas steife Veranstaltung etwas zu lockern, hat man übrigens extra den besten US-Komiker nach Davos geladen. Übermorgen soll sein grosser Auftritt sein...
 
Apropos übermorgen – zum Schluss noch etwas Dramatik: Ich habe heute festgestellt, dass einige Seen auf den Feldern bereits alarmierende Tiefstände erreicht haben. Und auf den Wegen bilden sich bereits erste trockene Stellen. Aber keine Sorge: Spätestens übermorgen dürfte es wieder Nachschub des kostbaren Nasses geben. Das amerikanische Wettermodell meldet übrigens pünktlich ab Februar richtiges Winterwetter mit Kälte und Schnee bis ins Flachland! Aber ich denke, hier Trumpiert es sich gewaltig…
 
Höhenprofil

 
 
Tourdaten: Weite 68,2 km / Höhe 1590 m / Fahrzeit 4:05 h
GPS-Aufzeichnung der Tour: Ahorn-Wernisegg
 

Mittwoch, 17. Januar 2018

Spontan oder überstürzt...

Gestern Orkan, heute Büroarbeiten, morgen Orkan: So lautet die Reihenfolge. Ich bin am Verfassen eines Briefes, als mir kurz vor 14.00 Uhr plötzlich die Sonne schräg ins Gesicht scheint. Das hat bestimmt nichts zu bedeuten; der gestörte Wettermacher will wohl nur kurz ausleuchten, wo er noch ein bisschen rumschiffen und Bäume umlegen könnte. In wenigen Sekunden wird der Spuk sicher beendet sein, denke ich. Aber nein: blauer Himmel – minutenlang! In Rekordzeit ziehe ich die Bikekleider an, öffne die Haustüre und nehme einen herzhaften Graupelschauer entgegen. Von blauem Himmel keine Spur mehr...

Ist das jetzt auch Rekord? Oder April? Oder einfach nur Scheisse? Oder was?! Egal, jetzt gibt es kein Zurück mehr, ist es doch schon 14.00 Uhr! Und morgen soll ja das ungefähr dreissigste Tief des Jahres den dritten Orkan des Jahres bringen. Mit dem Normalo-Bike fahre ich ziellos davon. "Eben noch am Computer, jetzt auf unserer Showbühne", würde wohl Rudi Carrell sagen. Überstürzt oder spontan, je nach Geschmack. Mit 2 Grad ist es wieder mal alles andere als kalt. Der Wind ist recht stark, aber auszuhalten. Und so ein Graupelschauer macht doch viel mehr Spass, wenn er einem mit einer gewissen Geschwindigkeit ins Gesicht bläst...

Aber ich tue mir das ja freiwillig an. Wie fast immer, wenn ich kein Ziel habe, lande ich irgendwann in Oberbipp. Das ist fast schon ein Gesetz. So auch heute. Sandgestrahlt komme ich dort an und fahre bergwärts. Meine Fitness wurde anscheinend derart von der heutigen Tour überrumpelt, dass sie vor Schreck zu Hause am Computer geblieben ist. Beim steilen Aufstieg nach Wolfisberg knorze ich mir so richtig einen ab. Die Jacke ziehe ich aus, es ist zu warm. Oder zu wenig kalt. In der Höhe legt der Wind rasch zu, bleibt aber mit Böenspitzen von zirka 50 km/h vergleichsweise harmlos...


Sonne, dunkle Wolken und Schneeverwehungen
Kleiner Schneesturm bei Farnern
Mountainbike-Spur im Schnee
Stierenberg
Abendstimmung im Winter
Hinteregg

In der Höhe sinkt die Temperatur rasch unter den Gefrierpunkt, so dass mir ab etwa 800 m ein paar Schneestürmchen um die Ohren pfeifen, und ich mich zu fragen beginne, was ich hier eigentlich tue. Als aber zwischendurch wieder die Sonne zum Vorschein kommt, wird mir diese Frage beantwortet. Ich fahre mehr oder weniger ziellos am und auf dem Berg herum und wünsche mir ab und zu das Fattie, wenn ich mal wieder im vom Winde verwehten Schnee absaufe. Das Adrenalin pumpt. Jedenfalls vergesse ich, dass meine Fitness eigentlich miserabel ist...

Die Abendstimmung auf dem Berg ist trotz allem wunderbar. Und die paar Sonnenstrahlen sind Balsam in diesem einfach nur grauenhaften, jahreszeit-losen Januar. Schon alleine deswegen hat sich die Tour zwischen den Orkanen gelohnt. Schliesslich mache ich mich an den finalen Downhill und fahre trotz einbrechender Dunkelheit leicht ausschweifend nach Hause. Ob es das jetzt gebracht habe, werde ich dort leicht vorwurfsvoll gefragt. Beim Blick auf die Bilder sowie die Wetterprognose für die nächsten Tage lautet die Antwort klar ja. Und die Tour war übrigens spontan, nicht überstürzt...


Sonne auf dem Berg, Schatten im Mittelland
Blick ins Mittelland bei der Buchmatt
Untergehende Sonne auf dem Berg
Ankehubel
Weg in den Sonnenuntergang
Abendstimmung nahe Rumisberg
 
Tourdaten: Weite 47,8 km / Höhe 1120 m / Fahrzeit 3:25 h
GPS-Aufzeichnung der Tour: Hinteregg-Buchmatt